Bürgerbeteiligung Grünbuch „Energieeffizienz“ – Teil 3

Grünbuch-Thesen Teil 3:  Dekarbonisierung und Sektorkopplung

Die Europäische Union und die Bundesregierung haben sich das Ziel gesetzt, europaweit bis zum Jahr 2050 die Emissionen von sogenannten Treibhausgasen (CO2 / Methan) um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren. Angestrebt wird die ‚kohlenstofffreie Gesellschaft‘. Damit soll der von Klimamodellen des UN-Weltklimarats (IPCC) vorhergesagte – und angeblich vom Menschen verursachte – Anstieg der globalen Temperatur auf 1,5° bis 2° begrenzt werden.
Mit dem im August dieses Jahres von der Bundesregierung vorgelegten Grünbuch „Energie-Effizienz“ wird für Deutschland nun die konkrete Umsetzung der großen Transformation hin zu einer kohlenstofffreien (dekarbonisierten) Gesellschaft geplant.

Teil I meines Beitrags zum Grünbuch „Energie-Effizienz“ hat sich zunächst mit den Thesen zum Thema Efficiency First als Leitprinzip (Thesen 1 – 3) beschäftigt. Damit wird gefordert, dass bei allen Planungen im Energiebereich die Einsparung von Energie oberste Priorität haben muss, mit dem Ziel, den Primärenergieverbrauchs in Deutschland bis 2050 zu halbieren.
In Teil II habe ich die Thesen 4 bis 7 zur Ergänzung des Instrumentariums, mit dem diese rigorose Senkung des Energieverbrauchs durchgesetzt werden soll, kommentiert.

Im folgenden Teil III geht es nun um die Thesen 8 bis 11 des Grünbuchs zu den Themen Dekarbonisierung und Sektorkopplung. Die Dekarbonisierung – also der fast vollständige Verzicht auf fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle – wird die einstmals so zuverlässige Stromversorgung in Deutschland destabilisieren. Die Dekarbonisierung zerschlägt die auf fossilen Rohstoffen basierenden Industrien und die in Jahrzehnten aufgebauten Infrastrukturen. Es drohen gigantische Fehlinvestitionen. Folge wird die Deindustrialisierung Deutschlands sein.

Im vierten und letzten Teil werde ich dann noch die Thesen 12 bis 14 zur Digitalisierung der Energiewende kommentieren.

Bis zum 31. Oktober 2016 haben alle Bürger die Möglichkeit, im Rahmen eines ‚Konsultationsverfahrens‘ zu den 14 Thesen des Grünbuchs Stellung zu nehmen. Meine Beiträge mit kritischen Kommentierungen der Thesen sind als Anregung gedacht, falls Sie an der online-Abstimmung darüber teilnehmen möchten. Sie erreichen den Thesenbereich über folgende Webseite: https://www.gruenbuch-energieeffizienz.de/de/startseite/

These 8: Dekarbonisierung

Das Grünbuch sagt: „Die Dekarbonisierung der Sektoren Privathaushalte, GHD, Industrie und Verkehr erfordert den Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien.
Alleine durch Effizienzmaßnahmen und den direkten Einsatz erneuerbarer Energien (z. B. Solarthermie) lassen sich nach heutigem Kenntnisstand die Sektoren Privathaushalte, GHD, Industrie und Verkehr nicht dekarbonisieren. Damit in diesen Sektoren fossile Brennstoffe und Treibstoffe ersetzt werden können, ist der Einsatz von Strom aus CO2-freien und erneuerbaren Quellen notwendig.“

Kommentar: Aufgrund des Pariser Kilmaabkommens haben sich EU und Bundesregierung das Ziel gesetzt, europaweit bis zum Jahr 2050 die Emissionen von sogenannten Treibhausgasen (CO2 / Methan) um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren. Damit soll der von Klimamodellen des UN-Weltklimarats (IPCC) vorhergesagte – und angeblich vom Menschen verursachte – Anstieg der globalen Temperatur auf 1,5° bis 2° begrenzt werden.
Bei prozessbedingten Emissionen der Industrie (z. B. in der Stahlindustrie) ist man allerdings schon jetzt an den Grenzen des Machbaren angelangt. Die Landwirtschaft ist ohne Methan-Emissionen nicht denkbar und im internatinalen Luft- und Seeverkehr ist technisch bedingt und aufgrund der internationalen Verflechtung eine Dekarbonisierung in absehbarer Zeit nicht umsetzbar. Mit den Emissionen aus diesen drei Bereichen sind aber die für 2050 noch ‚freien‘ fünf bis 20 Prozent bereits weg!
Das bedeutet insbesondere für die Sektoren Wärme und Verkehr, dass deren Emissionen auf null gesetzt werden müssen (Rainer Baake, Staatsekretär im Wirtschaftsministerium, auf den Berliner Energietagen im Oktober 2016). Weil die Möglichkeiten für den Einsatz von Solar- und Geothermie, sowie für den Einsatz von Biokraftstoffen in Deutschland eng begrenzt sind, „wird am Ende die Dekarbonisierung über den Stromsektor laufen [müssen].“ (Rainer Baake, a.a.O.) Wir werden also mit Strom Auto fahren (auch die LKWs!) und unsere Wohnungen mit Strom heizen müssen! Diese Elektrifizierung aller Lebensbereiche (‚Sektoren‘) wird als Sektorkopplung bezeichnet. Wie groß dann der Strombedarf sein wird, weiß heute noch niemand genau, aber er wird massiv ansteigen! Selbst dann, wenn die angestrebte Halbierung des Primärenergiebedarfs bis 2050 gelingen sollte.
Eine im Auftrag von Greepeace-Energy erstellte Studie (Volker Quaschning, „Sektorkopplung durch die Energiewende“, Juni 2016) ermittelt für den Fall der vollständigen Dekarbonisierung des Wärme- und Verkehrssektors eine Zunahme des Strombedarfs auf das zweieinhalb- bis fünffache des heutigen Bedarfs. Etwa ein Drittel des Stroms in Deutschland wird aktuell mit Sonne und Wind erzeugt. Legt man die Daten der Greenpeace-Studie zugrunde, dann ist damit ein Ausbau der EE-Erzeugerkapazität (Fotovoltaik und Windkraftanlagen) in Deutschland auf das 10- bis 15-fache der heutigen Kapazität erforderlich. Dies kann mit Fug und Recht als aussichtsloses Unterfangen bezeichnet werden: Der Platz wird knapp und der Widerstand wächst!

Wenn die Emissionen von Treibhausgasen bis 2050 bei null landen sollen, dann sind alle weiteren Investitionen in fossile Infrastrukturen Fehlinvestitionen. Neben Kohle- und Gaskraftwerken zählen zur fossilen Infrastruktur auch Benzin- und Dieselfahrzeuge, die dann spätestens ab 2030 (das sind gerade noch 14 Jahre) nicht mehr verkauft werden dürfen. Was das bereits in den nächsten zehn Jahren für die deutsche Automobilindustrie und die Arbeitsplätze in den Zulieferindustrien bedeuten würde, mag man sich gar nicht vorstellen!

Ist es Naivität oder die bewußte Absicht Deutschland und Europa zu deindustrialisieren und in den Ruin zu treiben? Das Ziel der Dekarbonisierung ist zwischen den derzeit im Bundestag vertretenen Parteien nicht umstritten; gestritten – auch mit Lobby-Verbänden und internationalen NGOs – wird nur noch um den Weg dahin. Da macht auch das Grünbuch keine Ausnahme: Sinn und Unsinn einer Dekarbonisierung der westlichen – (noch) kapitalistisch organisierten – Industrienationen werden nicht thematisiert!

Fazit: Die Dekarbonisierung – also der fast vollständige Verzicht auf fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle – wird die Energiepreise in die Höhe treiben und die einst so zuverlässige Stromversorgung in Deutschland destabilisieren. Die Dekarbonisierung zerschlägt die auf fossilen Rohstoffen basierenden Industrien und die in Jahrzehnten aufgebauten Infrastrukturen. Die Folge wird die Deindustrialisierung Deutschlands sein.

These 9: Sektorkopplung

Das Grünbuch sagt: „Bei der Sektorkopplung werden Technologien verwendet, die mit wenig erneuerbarem Strom möglichst viele Brennstoffe ersetzen.
Strom ist ein kostbares Gut. Daher werden bei der energiewendetauglichen Sektorkopplung vorrangig solche Technologien verwendet werden, die Strom effizient in Wärme, Kälte oder Antrieb umwandeln. Dies senkt die Kosten für die Bereitstellung von Energie und stärkt die Akzeptanz der Energiewende.“

Kommentar: Bei der Sektorkopplung, vornehmlich im Verkehrs- und Wärmesektor, sollen Technologien verwendet werden, die mit wenig Strom (natürlich Ökostrom!) möglichst viele Brennstoffe ersetzen. Also auch hier: Efficiency-First! Das hört sich zunächst gut und logisch an. Aber bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass die Dinge nicht so einfach liegen, wie man zunächst vermuten könnte.
Im Verkehrssektor gibt es zwei Möglichkeiten, Ökostrom aus Sonne und Wind für den Antrieb von Fahrzeugen zu nutzen:
Verwendung von Elektromotoren. Gute Elektromotoren erreichen heute Wirkungsgrade von über 97%. Das heißt, dass nahezu die gesamte elektrische Energie in Bewegung umgesetzt wird. Diesem Vorteil stehen erhebliche Nachteile gegenüber. Aufgrund der geringen Energiedichte von Batterien haben E-Autos eine geringere Reichweite und einen geringeren Komfort (Heizung und Kühlung reduzieren massiv die Reichweite, lange Ladezeiten, etc…) als mit Benzin oder Diesel betriebene Fahrzeuge. Die benötigten Infrastrukturen – also Ladestationen sowie elektrische Oberleitungen auf Autobahnen für den LKW-Verkehr – müssen europaweit (!) komplett neu aufgebaut werden.
Entscheidenter Vorteil der Elektromobilität für die Energiewende: Die Klimaretter setzen darauf, dass sie die Fahrzeugbatterien als ‚abschaltbare Lasten‘, bei Stark- oder Schwachwind zur Stabilisierung der Stromnetze einsetzen zu können. Ob das gelingen kann, muss bezweifelt werden; aber diese als ‚Lastmanagement‘ verschleierte Reglementierung des Verbrauchers übt auf Klimaretter immer wieder eine kaum zu erklärende Faszination aus.
Verwendung von Gasmotoren. Mit der Technologie Power-to-Gas wird aus Ökostrom zunächst das Gas Methan erzeugt, das als Flüssiggas zum Betreiben von Gasfahrzeugen verwendet werden kann. Der Gesamtwirkungsgrad liegt dabei heute noch bei weit unter 30%. Das heißt, dass nicht einmal ein Drittel der elektrischen Energie in Bewegung umgesetzt wird. Darin liegt der größte Nachteil, der diese Lösung teuer macht und verglichen mit der Elektromobilität zusätzlich weitere EE-Erzeugerkapazität (also noch mehr Windräder) erfordert, was die Akzeptanz der Energiewende sicherlich nicht befördern würde.
Unbestreitbarer (kostensenkender) Vorteil der Power-to-Gas Technologie ist aber die Nutzbarkeit der bestehenden, europaweit vorhandenen Infrastruktur (Gasnetz und Gasverflüssigung, Tankstellen) zur Verteilung und Speicherung von Methan. Die Verbrennungsmotoren (Benzin, Diesel, aber auch Gas) sind ausgereift und haben ihre Tauglichkeit für die Massenmobilität längst unter Beweis gestellt. Flüssiggas besitzt eine ähnlich hohe Energdichte wie Benzin oder Diesel und erlaubt damit ebenso hohe Reichweiten und den gewohnten Reisekomfort.

Die Bundesregierung setzt trotzdem ausschließlich auf Elektromobilität: Im Grünbuch heißt es: „Um den zusätzlichen Bedarf an erneuerbarem Strom … so gering wie möglich zu halten, sollen grundsätzlich die Technologien verwendet werden, die Strom effizient in … Antrieb umwandeln. .. Nach heutigem Kenntnisstand gilt dies vor allem für … Elektrofahrzeuge… Andere Technologien, wie zum Beispiel … Power-to-Gas, kommen wegen ihres sehr viel höheren Strombedarfs nur zum Einsatz, wo keine effizienteren Technologien zur Verfügung stehen.“

Anders die Deutsche Energie-Agentur (dena) in einer Pressemitteilung vom Oktober 2016: Den „Ansatz einer möglichst ausnahmslos konsequenten Elektrifizierung sieht die dena kritisch. Die infrastrukturellen, aber auch die damit verbundenen legislativen und gesellschaftspolitischen Voraussetzungen scheinen nicht gegeben.“ Man fürchtet eine völlige Überforderung der heutigen Infrastruktur durch die Dekarbonisierung über Ökostrom. „Ohne Technologien wie Power-to-Gas, die die Sektoren koppeln, wird [die Reduktion der THG-Emmissionen] nicht gelingen“. (Andreas Kuhlmann, Chef der dena)

Dieses Festhalten der Bundesregierung an der Elektromobilität ist nur dadurch zu erklären, dass man ‚Energieeinsparung‘ – wie im Grünbuch – zur obersten Maxime erklärt; Efficiency-First eben. Nach dem heutigen Stand der Technik bedeutet der Umbau des Verkehrssystems auf Elektromobilität einen Rückschritt an den Beginn des letzten Jahrhunderts. Das Setzen (oder besser Hoffen) auf technologische Entwicklungen (z.B. auf neue Batterien mit höherer Energiedichte und längerer Lebensdauer), die vielleicht in 20 oder 30 Jahren zur Verfügung stehen könnten, ist angesichts der Bedeutung des Energiesektors für das Überleben unserer Gesellschaft ein fragwürdiges Unterfangen.

Fazit: Die Politik verheddert sich zunehmend im ideologischen Chaos. Die absolute Fixierung auf die Einsparung von Energie führt die Energiepolitik in eine Sackgasse. Deshalb keine weiteren Schritte in Richtung ‚Dekarbonisierung‘ des Verkehrs- und Wärmesektors. Sonst drohen riesige Fehlinvestitionen, die Zerschlagung gewachsener Infrastrukturen und eine nachhaltige Gefährdung der ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft.

These 10: Flexibilität des Stromsystems

Das Grünbuch sagt: „Sektorkopplung macht das Stromsystem flexibler.
Elektroautos, Wärmepumpen und Elektrokessel sind flexible Verbraucher. Elektroautos nutzen die Batterie als Speicher, und Wärme lässt sich verglichen mit Strom leicht speichern. Zukünftig können diese Sektorkopplungstechnologien ihre Stromnachfrage an das Wind- und Solarstromangebot anpassen und so einen Ausgleich zum fluktuierenden Stromangebot aus erneuerbaren Energien bieten.“

Kommentar: Nachdem sich in den letzten Monaten bezüglich des Potentials ‚abschaltbarer Lasten‘ im herkömmlichen Stromsektor (Privathaushalte und Industrie) unter den Energiewendern etwas Ernüchterung breit gemacht hat, müssen jetzt dringend weitere Abschaltmöglichkeiten im Wärme- und Mobilitätssektor gefunden werden. Sonst wird das Konzept des ‚Lastmanagements‘, also die Anpassung der Energienachfrage an das schwankende Energieangebot von Sonne und Wind, zur Makulatur. Diese Abschaltmöglichkeiten (auch gerne als ‚Flexibilitätsoptionen‚ bezeichnet) glaubt man nun in Elektroheizungen (Wärmepumpen und Warmwasserbereitung) und in den Ladestationen für die Batterien der Elektroautos gefunden zu haben. Diese „Anlagen sollten über entsprechende Schnittstellen bzw. Smart Meter steuerbar sein und der Stromliefervertrag sollte eine Reaktion auf das Preissignal ermöglichen.“ (Grünbuch ‚Energie-Effizienz‘, Kap. 4.4)
Je nach Wind- und Wetterverhältnissen sollen Elektroheizungen und Ladestationen durch direkte Steuersignale der Energieversorger abgeschaltet werden können. Oder der Kunde schaltet nach der Übermittlung entsprechender ‚Preissignale‘ durch den Energieversorger sein Gerät selbst ab, weil ihm der Strom für Heizung und Fahrzeug bei Windstille und bewölktem Himmel schlicht zu teuer ist.
Schöne neue Welt!

Fazit: Hinter dem Begriff ‚Flexibilität des Stromsystems‘ verbirgt sich nichts anderes, als die Ausdehnung der staatlichen Kontrolle auf Wirtschaft und Gesellschaft zur Steuerung der Energienachfrage. Durch den Aufbau von Smart Grids und den Einbau von Smart Metern in unsere Wohnungen drohen massive Eingriffe in die Lebensqualität und in die Selbstbestimmung der Bürger.

These 11: Dekarbonisierung und Sektoren

Das Grünbuch sagt: „Jeder Sektor leistet einen angemessenen Beitrag zu den Kosten der Dekarbonisierung.
Aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit ist es wichtig, dass alle Sektoren einen fairen Beitrag zu den Kosten der Dekarbonisierung leisten. Wird Strom in den Sektoren Privathaushalte, GHD, Industrie und Mobilität eingesetzt, müssen diese Sektoren einen angemessenen Teil der Kosten tragen, die zur Umstellung der Stromerzeugung von fossilen auf erneuerbare Quellen notwendig sind.“

Kommentar: In früheren Thesen des Grünbuchs war immer wieder die Rede davon, dass ‚Efficiency First‘ und Sektorkopplung die Kosten für die Bereitstellung von Energie senken würden. Wieso müssen jetzt plötzlich Kosten der Dekarbonisierung angemessen (!) auf die verschiedenen Sektoren umgelegt werden? Wo kommen die denn jetzt her, Herr Gabriel?

Fazit: Diese These bestätigt den von Kritikern immer wieder gegen die Energiewende und gegen die Dekarbonisierung vorgebrachten Einwand, dass die Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Quellen mit einem massiven Anstieg der Kosten, mit sozialen Ungerechtigkeiten und mit Verteilungskonflikten verbunden sein wird.

 

Peter Maier-Schuler

 

 

 

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